Viele Menschen mit ADHS haben im Laufe ihres Lebens gelernt, ihre Symptome zu verstecken. Sie versuchen, nach außen hin organisiert, ruhig und konzentriert zu wirken, selbst wenn sich innerlich Gedanken überschlagen oder starke emotionale Anspannung spürbar ist. Dieses Verhalten wird häufig als „Masking“ oder „Social Camouflaging“ bezeichnet. Besonders bei Frauen mit ADHS spielt dieses Thema eine große Rolle.
Masking ist dabei keine Schwäche, sondern eine Anpassungsstrategie. Gleichzeitig kann es langfristig eine große psychische Belastung darstellen.
Was bedeutet Masking eigentlich?
Masking beschreibt das bewusste oder unbewusste Verbergen von ADHS-typischen Verhaltensweisen, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Dazu gehören zum Beispiel:
- Ständiges Kontrollieren des eigenen Verhaltens in sozialen Situationen
- Übermäßige Vorbereitung auf Gespräche oder Aufgaben
- Das Unterdrücken von Unruhe, Impulsivität oder emotionalen Reaktionen
- Das Erlernen sozial akzeptierter Verhaltensweisen, auch wenn sie nicht dem inneren Erleben entsprechen
Viele Betroffene berichten, dass Masking sich anfühlt, als würde man ständig eine Rolle spielen. Nach außen wirkt alles stabil, innerlich kann es jedoch sehr anstrengend sein.
Warum besonders Frauen mit ADHS häufig maskieren
Gesellschaftliche Erwartungen spielen hierbei eine große Rolle. Nach der sogenannten Gender-Schema-Theorie (Bem, 1981; Salciunas, 2021) werden in vielen Gesellschaften schon früh bestimmte Verhaltensweisen mit „typisch weiblich“ verbunden. Dazu gehören Eigenschaften wie Anpassung, Ruhe, gutes Verhalten oder Zurückhaltung.
Diese Erwartungen können mit ADHS-typischen Symptomen kollidieren. Mädchen mit ADHS lernen deshalb häufiger, ihre Symptome zu verbergen, um nicht negativ aufzufallen oder als „auffällig“ wahrgenommen zu werden.
Diese sozialen Normen können dazu führen, dass ADHS bei Frauen oft später erkannt wird, da die Symptome weniger nach außen sichtbar sind.
Psychische Folgen von dauerhaftem Masking – was die Forschung zeigt
Aktuelle Forschung zeigt, dass soziales Maskieren bei Frauen mit ADHS mit einer geringeren Lebenszufriedenheit und mit mehr depressiven Symptomen zusammenhängt, selbst wenn andere Faktoren wie Alter oder sozioökonomischer Status berücksichtigt werden.
Das bedeutet: Je stärker Betroffene ihr wahres Verhalten dauerhaft unterdrücken, desto größer kann die psychische Belastung werden.
Dieses Ergebnis passt auch zu Studien zu autistischen Personen, bei denen ähnliche Zusammenhänge zwischen Masking, Stress und psychischem Wohlbefinden gefunden wurden (Wicherkiewicz, Fryderyka;Gambin, Małgorzata, 2024).
Masking und die eigenen psychischen Grundbedürfnisse
Auch aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie spielt Masking eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit.
Nach dieser Theorie sind drei Grundbedürfnisse zentral für unser Wohlbefinden:
- Autonomie – das Gefühl, selbstbestimmt handeln zu können
- Kompetenz – sich als wirksam und handlungsfähig zu erleben
- Soziale Zugehörigkeit – echte Verbindung zu anderen Menschen
Wenn Menschen mit ADHS ihr Verhalten stark anpassen, kann genau diese Balance gestört werden. Das Verbergen des eigenen Erlebens kann dazu führen, dass sich Betroffene weniger authentisch fühlen. Viele berichten von einem Gefühl, „nicht wirklich sie selbst zu sein“.
Langfristig kann dies Stress, Angst oder depressive Verstimmungen verstärken.
Masking als Schutz – und als Belastung
Masking ist ambivalent. Einerseits kann es helfen, soziale Situationen zu bewältigen und Stigmatisierung zu vermeiden. Andererseits kann es sich sehr erschöpfend anfühlen. Viele Betroffene berichten, dass sie Energie darauf verwenden, ihr Verhalten ständig zu kontrollieren.
Diese dauerhafte Anspannung kann zu dem Gefühl führen, das eigene Selbst zu verstecken. Besonders dann, wenn die Angst vor sozialer Ablehnung sehr groß ist, wird Masking häufig zu einem automatischen Verhaltensmuster.
Was helfen kann
Ein erster Schritt kann sein, das eigene Verhalten besser zu verstehen. Viele Betroffene profitieren davon, wenn sie erkennen, in welchen Situationen sie besonders stark maskieren.
Mini-Strategien für den Umgang mit sozialen Situationen
- Bewusstes Tempo reduzieren
Bevor Sie antworten, machen Sie eine kurze Pause, atmen Sie einmal bewusst durch und sammeln Sie Ihre Gedanken. Das kann helfen, impulsive Reaktionen zu reduzieren und sich selbst mehr Kontrolle über die Situation zu geben. - „Satz-Notfallkarten“ nutzen
Vorformulierte Sätze können helfen, wenn Sie sich überfordert fühlen, z. B.:- „Ich brauche einen Moment, um darüber nachzudenken.“
- „Darauf komme ich später zurück.“
- „Ich melde mich dazu nochmal.“
=> Solche Formulierungen können den Druck reduzieren, sofort reagieren zu müssen.
- Aufmerksamkeit bewusst nach außen richten
In Gesprächen kann es helfen, sich auf eine konkrete Sache in der Umgebung zu konzentrieren – etwa die Stimme des Gegenübers, einen Punkt im Raum oder die eigene Körperhaltung. Das kann innere Unruhe etwas reduzieren. - Reizreduktion planen
Falls möglich, vor sozialen Terminen bewusste Pausen einplanen, z. B. kurz alleine sitzen, Musik hören oder einen ruhigen Moment für sich nutzen. - Körperliche Regulation nutzen
Kleine körperliche Strategien können helfen, Nervosität zu reduzieren, z. B. Füße fest auf den Boden stellen, langsam ausatmen oder kurz die Handflächen gegeneinander drücken.
Diese Strategien können unterstützen, ersetzen aber keine individuelle therapeutische oder medizinische Behandlung. Wenn soziale Ängste, Erschöpfung oder das Gefühl, sich ständig verstellen zu müssen, stark belastend sind, kann eine fachliche Begleitung sinnvoll sein.
Fazit: Zwischen Anpassung und Selbstakzeptanz
Masking ist eine häufige Erfahrung bei ADHS, insbesondere bei Frauen. Es kann helfen, soziale Situationen zu bewältigen, ist aber langfristig oft mit emotionaler Belastung verbunden.
Die Forschung zeigt deutlich, dass soziales Maskieren mit geringerer Lebenszufriedenheit, mehr depressiven Symptomen und erhöhtem Stress verbunden sein kann. Gleichzeitig spielen soziale Unterstützung, stabile Beziehungen und das Gefühl von Authentizität eine wichtige Rolle für das psychische Wohlbefinden.
In unserer Praxis bieten wir die Diagnostik von ADS und ADHS an. Weitere Informationen zur Diagnostik finden Sie hier: ADHS-Sprechstunde
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