Überforderung in Gruppen verstehen: Autismus im Alltag

Viele autistische Menschen erleben soziale Situationen anders als neurotypische Personen. Besonders Gruppensituationen wie Meetings, Unterricht, Freizeitgruppen oder Familienfeiern können überfordernd oder unangenehm sein. Dies bedeutet nicht, dass autistische Menschen sozial unfähig sind. Ihre Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reizverarbeitung funktioniert einfach anders – und das kann zu Überreizung, Stress oder Unsicherheit führen. Verständnis für diese Unterschiede erleichtert […]

Viele autistische Menschen erleben soziale Situationen anders als neurotypische Personen. Besonders Gruppensituationen wie Meetings, Unterricht, Freizeitgruppen oder Familienfeiern können überfordernd oder unangenehm sein.
Dies bedeutet nicht, dass autistische Menschen sozial unfähig sind. Ihre Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reizverarbeitung funktioniert einfach anders – und das kann zu Überreizung, Stress oder Unsicherheit führen. Verständnis für diese Unterschiede erleichtert den Alltag und kann helfen, belastende Situationen besser einzuordnen.

 

Reizüberflutung und sensorische Belastung in Gruppen

Ein zentraler Faktor in Gruppensituationen ist die sensorische Überreizung durch die Vielzahl an Sinneseindrücken. Viele gleichzeitig sprechende Stimmen, laute Geräusche, Musik oder permanente Hintergrundgeräusche, ebenso wie helles Licht, grelle Farben, intensive Gerüche oder körperliche Nähe, summieren sich häufig zu einer starken Reizüberflutung. Diese kann Stress, Angst oder Rückzug auslösen. Autistische Menschen benötigen daher oft Rückzugsräume und Pausen, um Reize angemessen verarbeiten zu können.

 

Soziale Informationsverarbeitung und unausgesprochene Erwartungen

In Gruppen müssen zudem zahlreiche soziale Signale gleichzeitig interpretiert werden. Dazu gehören Mimik und Gestik, Blickrichtung und Körpersprache sowie die Emotionen anderer Teilnehmender. Einige autistische Menschen haben Schwierigkeiten, Emotionen zuverlässig zu erkennen oder nonverbale Signale korrekt zu deuten. In schnellen und dynamischen Gruppensituationen kann dies zu Unsicherheit, Stress oder Fehlinterpretationen führen.

Gruppeninteraktionen beinhalten außerdem häufig Small Talk und spontane Gespräche, die von vielen impliziten Regeln geprägt sind. Dazu zählen Erwartungen an Höflichkeit, bestimmte Gesprächsrituale, wechselnde Gesprächspartner*innen sowie die Erwartung, Themen schnell zu wechseln oder beiläufige Informationen zu erkennen. Autistischen Menschen fällt es oft schwer, diese unausgesprochenen Regeln zu erkennen und umzusetzen, was zu Erschöpfung oder sozialer Anspannung führen kann.

 

Masking, Überforderung und unterstützende Rahmenbedingungen

Gruppensituationen erzeugen oft unsichtbaren Druck, sich anzupassen. Viele autistische Menschen üben Masking – sie verbergen ihre natürliche Reaktion, um akzeptiert zu werden. Dieser Druck kann zu chronischer Erschöpfung, Stress und Unsicherheit führen. Einige entwickeln daraus soziale Ängste oder soziale Phobien, die häufig fehldiagnostiziert werden, weil die Autismusursachen nicht erkannt werden. Klassische Expositionstrainings oder zwanghafte Konfrontationen bringen in solchen Fällen oft wenig Entlastung, da die eigentlichen Ursachen in der Wahrnehmung, Reizverarbeitung und den Masking-Strategien liegen.

Darüber hinaus erfordern Gruppensituationen die gleichzeitige Verarbeitung vieler Informationen. Dazu gehört zu erkennen, wer gerade spricht, wann man sich melden darf, wie Blickkontakte, Gesten und Mimik zu interpretieren sind und welche emotionalen Nuancen eine Situation prägen. Für viele autistische Menschen ist diese parallele Verarbeitung sozialer, verbaler und emotionaler Informationen besonders herausfordernd und kann schnell zu Überlastung und Rückzug führen.

Selbstverständlich sind nicht alle Gruppen unangenehm. Mit einigen Anpassungen können Gruppensituationen deutlich leichter bewältigt werden. Kleine Gruppen oder feste Rollen für Teilnehmende, vorhersehbare Abläufe und klare Regeln, ruhige Umgebungen mit Rückzugsmöglichkeiten sowie eine klare, direkte Kommunikation statt impliziter Signale tragen erheblich zur Entlastung bei. Ebenso wichtig ist ein grundlegendes Verständnis für Überreizung, Masking und Unsicherheit. Solche Anpassungen ermöglichen autistischen Menschen mehr Sicherheit, Selbstvertrauen und Teilhabe.

Gruppensituationen sind für autistische Menschen nicht grundsätzlich problematisch, können aber schnell überfordern. Ursachen liegen in Überreizung, Schwierigkeiten beim Lesen von Gesichtern und Emotionen, Masking, Small Talk und sozialen Erwartungen. Ein wertschätzender, strukturierter Gruppenrahmen, kombiniert mit Verständnis von Lehrenden, Kolleg*innen oder Angehörigen, kann den Stress deutlich reduzieren und die Teilhabe erleichtern. Wer die Bedürfnisse autistischer Menschen kennt, kann soziale Situationen angenehmer und weniger belastend gestalten.

In unserer Praxis bieten wir die Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen an. Weitere Informationen zur Diagnostik finden Sie hier: Autismus-Sprechstunde

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