ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die sich auf Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Aktivitätsniveau auswirken kann. Für viele Betroffene kann dies den Alltag, die Arbeit, das Lernen und zwischenmenschliche Beziehungen erheblich belasten.
Neben psychotherapeutischen Interventionen und strukturellen Unterstützungsmöglichkeiten kann eine medikamentöse Einstellung dazu beitragen, Symptome zu lindern, die Selbstregulation zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Dabei ist die medikamentöse Behandlung immer individuell und Teil eines ganzheitlichen Ansatzes.
Welche Medikamente werden bei ADHS eingesetzt?
Die medikamentöse Behandlung von ADHS erfolgt vor allem durch zwei Gruppen von Medikamenten:
- Stimulanzien
Die am häufigsten verschriebenen Medikamente sind Methylphenidat und Amphetamin-Derivate. Sie wirken im zentralen Nervensystem, verbessern Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle. Sie können schnelle und spürbare Effekte auf Alltag und Leistungsfähigkeit haben.
- Nicht-Stimulanzien
Dazu gehören Atomoxetin oder Guanfacin. Sie wirken langsamer, können aber für Menschen sinnvoll sein, die auf Stimulanzien nicht ansprechen oder Nebenwirkungen haben. Sie wirken ebenfalls regulierend auf Aufmerksamkeit und Impulsivität.
Ziel einer medikamentösen Einstellung
Eine medikamentöse Einstellung verfolgt nicht die „Heilung“ von ADHS, sondern die Verbesserung der Alltagsbewältigung. Ziele in dem Sinne sind oft die Verbesserung von Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle, eine Reduzierung von innerer Unruhe und Ablenkbarkeit sowie die Unterstützung von Struktur, Organisation und Selbstmanagement. Damit verbunden ist ein weiteres Ziel auch immer die Entlastung von emotionaler Überforderung.
Wie die medikamentöse Einstellung abläuft
Die medikamentöse Behandlung erfolgt immer unter ärztlicher Begleitung, idealerweise durch Fachärzt*innen für Psychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, teilweise in enger Abstimmung mit der Psychotherapie.
Typische Schritte:
- Diagnostische Abklärung: Bestätigung der ADHS-Diagnose, Erfassung von Begleiterkrankungen, körperliche Untersuchung.
- Auswahl des Medikaments: Entscheidung zwischen Stimulanzien oder Nicht-Stimulanzien unter Berücksichtigung individueller Faktoren.
- Dosisanpassung: Beginn mit niedriger Dosis, schrittweise Anpassung bis zur optimalen Wirkung.
- Kontrolle und Monitoring: Regelmäßige Überprüfung von Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Blutdruck, Herzfrequenz, Gewicht und Wohlbefinden.
- Langfristige Begleitung: Anpassung bei Lebensveränderungen, Nebenwirkungsmanagement, ggf. Kombination mit Therapie und Coaching.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Wie jedes Medikament können auch ADHS-Medikamente Nebenwirkungen haben. Häufige, meist vorübergehende Nebenwirkungen bei Stimulanzien sind Schlafstörungen, Appetitminderung, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen sowie Reizbarkeit oder Nervosität. Nicht-Stimulanzien können u. a. Müdigkeit oder Magen-Darm-Beschwerden verursachen.
Wichtig: Nebenwirkungen sollten immer mit der behandelnden Ärztin/dem behandelnden Arzt besprochen werden. Mit einer sorgfältigen Anpassung lassen sich viele Nebenwirkungen minimieren.
Besonderheit bei Autismus und ADHS
Viele Menschen berichten, dass autistische Merkmale stärker zum Vorschein kommen können, wenn ADHS-Medikamente eingenommen werden. Autistische Personen benötigen dabei oft nur eine niedrige Dosis. Deshalb ist es wichtig, vor Beginn einer Medikation zu klären, ob zusätzlich ASS oder autistische Züge vorliegen. So kann die Behandlung gezielt und schonend angepasst werden.
Kombination von Medikamenten und Therapie
Die medikamentöse Einstellung ist keine Alternative zu Psychotherapie oder Coaching, sondern kann diese sinnvoll ergänzen. Medikamente können dabei helfen, Konzentration und Impulskontrolle zu verbessern, wodurch therapeutische Strategien leichter umgesetzt werden können. Gleichzeitig kann Psychotherapie Techniken für Organisation, Selbstmanagement und Stressbewältigung vermitteln. Die Kombination aus beiden Ansätzen ist nach aktuellen Studien oft besonders wirksam.
Eine medikamentöse Behandlung kann erwogen werden, wenn die ADHS-Symptome den Alltag, Arbeit, Schule oder Studium erheblich beeinträchtigen und psychotherapeutische Maßnahmen allein nicht ausreichen. Es sollten keine medizinischen Gegenanzeigen bestehen und eine regelmäßige ärztliche Begleitung möglich sein.
Jede Entscheidung sollte individuell, informativ und gemeinsam mit der Fachperson getroffen werden.
Fazit: Medikamentöse Einstellung als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes
ADHS kann das Leben erheblich herausfordern, doch die richtige Unterstützung kann vieles erleichtern. Eine medikamentöse Einstellung, in Kombination mit Therapie, Coaching oder Selbsthilfestrategien, kann helfen, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstorganisation zu verbessern.
Wichtig ist: Jede Behandlung ist individuell, beginnt mit sorgfältiger Abklärung und wird kontinuierlich begleitet. Medikamente können Betroffenen ermöglichen, Alltag und Arbeit besser zu bewältigen und die Lebensqualität deutlich zu steigern.
Die Entscheidung für eine medikamentöse Unterstützung ist ein Schritt zu mehr Selbstfürsorge und Handlungsspielraum, den Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt und ggf. Therapeut*in planen können.
In unserer Praxis bieten wir die Diagnostik von ADS und ADHS an. Weitere Informationen zur Diagnostik finden Sie hier: ADHS-Sprechstunde
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