Autistische Menschen und Menschen mit ADHS berichten häufig von einem langen Weg zu Verständnis, Anerkennung und passender Unterstützung. Viele erleben bereits früh das Gefühl, „anders“ zu sein, ohne dafür eine Sprache zu haben. Gerade Frauen erhalten ihre Diagnose oft spät – manchmal erst im Erwachsenenalter – nachdem sie jahrelang versucht haben, sich anzupassen und Erwartungen zu erfüllen.
Neben der psychotherapeutischen Begleitung können Selbsthilfegruppen eine wertvolle zusätzliche Ressource darstellen. Sie bieten Räume des Austauschs, der Zugehörigkeit und der gegenseitigen Unterstützung. Dieser Beitrag beleuchtet, warum Selbsthilfegruppen bei ADHS und Autismus – und besonders für autistische Frauen – eine wichtige Rolle spielen können und wie sie die therapeutische Arbeit sinnvoll ergänzen.
ADHS und Autismus – kurz erklärt
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus sind neurobiologische Ausprägungen, die sich auf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, soziale Interaktion und Emotionsregulation auswirken können. Beide Erscheinungsbilder sind sehr vielfältig – keine zwei Menschen mit ADHS oder Autismus sind gleich.
Bei Frauen zeigen sich die Symptome oft weniger auffällig als bei Männern. Häufig stehen innere Unruhe, Erschöpfung, hohe Anpassungsleistungen, Perfektionismus oder emotionale Überforderung im Vordergrund. Viele Frauen entwickeln früh Strategien des sogenannten „Maskings“ oder „Camouflaging“ – sie passen sich stark an ihre Umgebung an, was jedoch langfristig sehr belastend sein kann.
Diese Besonderheiten führen dazu, dass ADHS und Autismus bei Frauen häufig spät erkannt oder fehldiagnostiziert werden. Umso wichtiger sind Räume, in denen diese Erfahrungen verstanden und geteilt werden können.
Was sind Selbsthilfegruppen?
Selbsthilfegruppen sind Zusammenschlüsse von Menschen, die ähnliche Erfahrungen oder Herausforderungen teilen. Im Mittelpunkt steht der Austausch auf Augenhöhe: Betroffene begegnen sich nicht als „Patient*innen“, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealität.
Selbsthilfegruppen sind kein Ersatz für eine Psychotherapie, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Sie können in Präsenz oder online stattfinden und entweder moderiert oder selbstorganisiert sein. Die Teilnahme ist in der Regel freiwillig und kostenfrei.
Warum Selbsthilfegruppen bei ADHS & Autismus besonders hilfreich sind:
Erleben von Zugehörigkeit
Viele autistische Menschen und Menschen mit ADHS kennen das Gefühl, sich unverstanden oder fehl am Platz zu fühlen. In Selbsthilfegruppen erleben sie oft erstmals, dass ihre Wahrnehmungen, Schwierigkeiten und Stärken geteilt werden. Dieses Gefühl von Zugehörigkeit kann sehr entlastend wirken und das Empfinden von Isolation deutlich reduzieren.
Erfahrungswissen aus erster Hand
Selbsthilfegruppen ermöglichen den Austausch von praktischen Erfahrungen aus dem Alltag: Strategien im Umgang mit Reizüberflutung, Organisation, Beziehungen, Beruf oder Selbstfürsorge. Dieses Erfahrungswissen ergänzt fachliche Informationen und kann neue Perspektiven eröffnen, die im Alltag direkt erprobt werden können.
Stärkung von Selbstakzeptanz und Identität
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann dazu beitragen, sich selbst besser zu verstehen und anzunehmen. Viele Gruppen verfolgen eine neurodiversitätsfreundliche Haltung, die nicht Defizite, sondern Vielfalt betont. Gerade für Menschen mit einer späten Diagnose kann dies helfen, die eigene Biografie neu einzuordnen und ein positiveres Selbstbild zu entwickeln.
Ergänzung zur psychotherapeutischen Arbeit
Selbsthilfegruppen können die psychotherapeutische Arbeit sinnvoll ergänzen. Inhalte aus der Therapie lassen sich im Austausch mit anderen reflektieren und im Alltag weiterentwickeln. Gleichzeitig kann die Gruppe emotionale Stabilität zwischen den Therapiesitzungen fördern und das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken.
Besonderer Stellenwert für autistische Frauen
Für autistische Frauen haben Selbsthilfegruppen oft eine besondere Bedeutung. Sie bieten Raum für Themen, die in gemischten Gruppen oder im Alltag wenig Platz finden: Masking und Erschöpfung, gesellschaftliche Rollenbilder, Partnerschaft, Mutterschaft oder berufliche Anforderungen.
In frauenspezifischen oder explizit autistischen Gruppen erleben viele Betroffene einen geschützten Rahmen, in dem sie weniger erklären oder sich rechtfertigen müssen. Die gemeinsame Lebensrealität kann sehr validierend wirken – insbesondere für Frauen, die ihre Diagnose erst spät erhalten haben und rückblickend viele belastende Erfahrungen einordnen müssen.
Ein achtsamer Blick auf Selbsthilfegruppen
So wertvoll Selbsthilfegruppen sein können – sie passen nicht für jede Person und nicht zu jeder Lebensphase. Die Qualität und Ausrichtung der Gruppen kann variieren, und nicht jeder Austausch wird als hilfreich erlebt. Zudem können bestimmte Themen emotional herausfordernd oder triggernd sein.
Es ist wichtig, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, Gruppen achtsam auszuwählen und sich gegebenenfalls Zeit zu lassen. Eine begleitende psychotherapeutische Unterstützung kann helfen, Erfahrungen aus der Selbsthilfegruppe einzuordnen und zu verarbeiten.
Selbsthilfegruppen & Psychotherapie – ein starkes Zusammenspiel
Psychotherapie bietet einen geschützten, professionellen Rahmen für individuelle Themen, biografische Erfahrungen und psychische Belastungen. Selbsthilfegruppen hingegen ermöglichen Gemeinschaft, Identifikation und alltagsnahe Unterstützung.
In Kombination können beide Ansätze sich gegenseitig stärken: Während die Therapie individuelle Prozesse begleitet, können Selbsthilfegruppen Zugehörigkeit und praktische Orientierung im Alltag fördern. Viele Betroffene erleben dieses Zusammenspiel als besonders stabilisierend.
Unterstützung finden und annehmen
Geeignete Selbsthilfegruppen lassen sich unter anderem über regionale Selbsthilfe-Kontaktstellen, Fachgesellschaften oder spezialisierte Online-Plattformen finden. Auch digitale Gruppen können – insbesondere bei Reizempfindlichkeit oder eingeschränkter Mobilität – eine gute Alternative darstellen.
Bei der Auswahl ist es hilfreich, auf die thematische Ausrichtung, Gruppengröße und den eigenen Eindruck zu achten. Nicht jede Gruppe muss dauerhaft passen.
ADHS und Autismus sind Teil menschlicher Vielfalt. Unterstützung anzunehmen – sei es durch Psychotherapie, Selbsthilfegruppen oder beides – ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge.
Selbsthilfegruppen können Räume schaffen, in denen Verständnis, Akzeptanz und Gemeinschaft erlebbar werden. Für viele Betroffene, insbesondere für autistische Frauen, stellen sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstverständnis, Entlastung und Lebensqualität dar.
In unserer Praxis bieten wir eine differenzierte Diagnostik von Autismus, ADHS und ADS bei Erwachsenen an.
Weitere Informationen zur Diagnostik finden Sie hier:




