Masking und Fawning bei Autismus: Was ist der Unterschied?

Autistische Menschen entwickeln häufig Strategien, um sich an soziale Erwartungen und ihre Umwelt anzupassen. Manche unterdrücken typische Verhaltensweisen, beobachten andere Menschen und ahmen deren Kommunikation nach. Andere stellen die Bedürfnisse ihres Gegenübers konsequent über die eigenen, vermeiden Konflikte und versuchen, es allen recht zu machen. In diesem Zusammenhang werden häufig die Begriffe Masking und Fawning […]

Autistische Menschen entwickeln häufig Strategien, um sich an soziale Erwartungen und ihre Umwelt anzupassen. Manche unterdrücken typische Verhaltensweisen, beobachten andere Menschen und ahmen deren Kommunikation nach. Andere stellen die Bedürfnisse ihres Gegenübers konsequent über die eigenen, vermeiden Konflikte und versuchen, es allen recht zu machen. In diesem Zusammenhang werden häufig die Begriffe Masking und Fawning verwendet. Beide Begriffe beschreiben unterschiedliche Formen von Anpassung und können insbesondere bei autistischen Menschen eine wichtige Rolle spielen. Sie sind jedoch nicht gleichbedeutend und sollten auch nicht als eigenständige Symptome von Autismus verstanden werden. Was genau hinter Masking und Fawning steckt und warum diese Anpassungsstrategien auf Dauer belastend sein können, wird im Folgenden genauer erklärt.

Was bedeutet Masking bei Autismus?

Masking bei Autismus bezeichnet Strategien, mit denen autistische Menschen ihre autistischen Merkmale bewusst oder unbewusst verbergen oder an soziale Erwartungen anpassen. Der englische Begriff „Masking“ bedeutet sinngemäß „maskieren“ oder „verbergen“. Autistische Menschen können beispielsweise lernen, Blickkontakt herzustellen, obwohl sich dieser für sie unangenehm anfühlt. Sie unterdrücken möglicherweise Stimming, überlegen sich genau, wann sie lachen oder sprechen sollten oder beobachten andere Menschen, um deren Verhalten nachzuahmen. Auch das Einüben bestimmter Gesprächsabläufe oder das bewusste Anpassen von Mimik und Körpersprache kann Teil des Maskings sein.

Masking entsteht häufig nicht bewusst mit dem Ziel, die eigene Persönlichkeit zu verstecken. Vielmehr können Menschen im Laufe ihres Lebens lernen, welche Verhaltensweisen von ihrem Umfeld erwartet werden und welche Reaktionen möglicherweise negativ bewertet werden. Die Anpassung wird dadurch zu einer automatisierten Strategie, um soziale Situationen besser zu bewältigen.

Was ist Fawning bei Autismus?

Der Begriff Fawning beschreibt eine andere Form der Anpassung. Gemeint ist eine starke Orientierung an den Bedürfnissen, Erwartungen und Emotionen anderer Menschen. Eine Person versucht beispielsweise, Konflikte zu vermeiden, andere zufriedenzustellen oder durch besonders starke Anpassung Sicherheit in einer sozialen Situation herzustellen. Fawning kann sich darin zeigen, dass jemand Schwierigkeiten hat, „Nein“ zu sagen, eigene Bedürfnisse zurückstellt oder sich sehr schnell für etwas entschuldigt. Auch die ständige Sorge darum, ob andere Menschen enttäuscht, verärgert oder unzufrieden sein könnten, kann eine Rolle spielen.

Wichtig ist dabei: Fawning ist kein offizielles Symptom von Autismus und keine eigenständige psychische Diagnose. Der Begriff wird vor allem verwendet, um ein bestimmtes Bewältigungs- und Anpassungsmuster zu beschreiben. Es kann bei Menschen mit und ohne Autismus auftreten und unterschiedliche Ursachen haben.

Was ist nun der Unterschied zwischen Masking und Fawning?

Masking und Fawning können sich äußerlich sehr ähnlich sehen, beschreiben aber unterschiedliche Schwerpunkte. Beim Masking steht vor allem die Anpassung des eigenen Verhaltens im Mittelpunkt. Eine autistische Person kann beispielsweise versuchen, ihre Körpersprache, Mimik oder Kommunikation so zu verändern, dass sie weniger auffällt. Beim Fawning richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf die andere Person. Es geht darum, deren Reaktionen zu beobachten, Konflikte zu vermeiden und die eigenen Bedürfnisse gegebenenfalls zurückzustellen. Beide Strategien können jedoch gleichzeitig auftreten. Eine autistische Person kann beispielsweise in einem Gespräch Blickkontakt und bestimmte Gesprächsregeln bewusst imitieren und gleichzeitig sehr darauf achten, dass das Gegenüber zufrieden ist. Dadurch können Masking und Fawning ineinandergreifen und die soziale Anpassung besonders anstrengend machen.

Warum maskieren autistische Menschen ihr Verhalten?

Viele autistische Menschen lernen bereits früh, dass bestimmte Verhaltensweisen von ihrer Umgebung nicht verstanden oder negativ bewertet werden. Vielleicht wird ihnen gesagt, sie sollten anderen Menschen in die Augen schauen, nicht so viel über ein bestimmtes Thema sprechen oder aufhören, sich auf bestimmte Weise zu bewegen. Mit der Zeit können daraus bewusste oder unbewusste Anpassungsstrategien entstehen. Besonders Menschen, deren Autismus erst im Erwachsenenalter erkannt wird, berichten teilweise davon, dass sie jahrelang versucht haben, sich sozial „richtig“ zu verhalten, ohne zu wissen, warum soziale Situationen für sie so anstrengend sind. Masking kann kurzfristig hilfreich sein. Es kann beispielsweise dabei unterstützen, berufliche oder soziale Situationen zu bewältigen und negative Reaktionen des Umfelds zu reduzieren. Problematisch kann es werden, wenn die Anpassung dauerhaft erforderlich ist und kaum noch Raum für die eigenen Bedürfnisse bleibt.

Welche Folgen kann Masking bei Autismus haben?

Dauerhaftes Masking kann sehr viel kognitive und emotionale Energie beanspruchen. Während einer sozialen Situation müssen möglicherweise gleichzeitig Gespräche verfolgt, Körpersprache kontrolliert, eigene Reaktionen unterdrückt und die Reaktionen anderer Menschen beobachtet werden. Manche autistische Menschen fühlen sich deshalb nach sozialen Situationen ungewöhnlich erschöpft. Während sie nach außen souverän und angepasst wirken, benötigen sie anschließend viel Ruhe und Rückzug. Langfristig kann eine dauerhafte Überforderung zur autistischen Erschöpfung beziehungsweise Autistic Burnout beitragen. Auch das Gefühl, die eigene Persönlichkeit ständig anpassen zu müssen, kann das Selbstbild und die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse beeinflussen.

Fawning und Schwierigkeiten mit Grenzen

Fawning kann insbesondere dann belastend werden, wenn die eigenen Bedürfnisse regelmäßig hinter die Bedürfnisse anderer zurückgestellt werden. Wer gelernt hat, Konflikte möglichst zu vermeiden und andere Menschen zufriedenzustellen, kann Schwierigkeiten damit entwickeln, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren. Das kann beispielsweise dazu führen, dass Verabredungen trotz Erschöpfung eingehalten werden, unangenehme Situationen länger ausgehalten werden oder eigene Wünsche nicht geäußert werden. Auch in Freundschaften, Partnerschaften oder im Berufsleben kann eine starke Orientierung an den Erwartungen anderer langfristig belastend sein. Dabei sollte Fawning nicht vorschnell als Folge von Autismus interpretiert werden. Ähnliche Verhaltensmuster können beispielsweise auch durch frühere Beziehungserfahrungen, Angst vor Ablehnung oder andere psychologische Faktoren entstehen.

Wie kann man weniger maskieren?

Weniger zu maskieren bedeutet nicht, sich grundsätzlich jeder sozialen Anpassung zu verweigern. Rücksichtnahme und Anpassung gehören zu zwischenmenschlichen Beziehungen dazu. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Person auch ausreichend Raum für ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen hat. Für autistische Menschen kann es hilfreich sein, zunächst wahrzunehmen, in welchen Situationen besonders stark maskiert wird und wie sich diese Anpassung körperlich und emotional anfühlt. Auch die Frage, welche Verhaltensweisen tatsächlich aus eigenem Wunsch heraus gezeigt werden und welche hauptsächlich dazu dienen, negative Reaktionen anderer zu vermeiden, kann eine wichtige Orientierung bieten. Je nach Situation können beispielsweise mehr Rückzugsmöglichkeiten, reizärmere Umgebungen, alternative Kommunikationsformen oder der bewusste Umgang mit Stimming entlastend sein. Ebenso kann es hilfreich sein, eigene Grenzen zu üben und nicht automatisch die Bedürfnisse anderer an erste Stelle zu setzen.

Masking und Fawning verstehen: Ein Schritt zu mehr Selbstakzeptanz

Masking und Fawning sind keine eindeutigen Beweise für Autismus. Dennoch können die Begriffe helfen, bestimmte Erfahrungen besser zu verstehen. Gerade Menschen, die über viele Jahre sehr gut funktioniert und sich angepasst haben, erkennen möglicherweise erst später, wie viel Energie sie dafür aufbringen. Eine wichtige Frage lautet deshalb nicht nur, wie gut eine Person nach außen mit sozialen Situationen zurechtkommt. Ebenso relevant ist, wie viel Anstrengung hinter diesem Verhalten steckt und wie sich die Person fühlt, wenn sie nicht mehr funktionieren oder sich anpassen muss.

Ein besseres Verständnis der eigenen Anpassungsstrategien kann dabei helfen, persönliche Grenzen wahrzunehmen, Bedürfnisse ernst zu nehmen und langfristig einen Umgang mit sozialen Situationen zu entwickeln, der weniger belastend ist.

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